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Ein Recht auf Leben
Da fahre ich durch die Nacht mit meinem Taxi. Die Fahrgäste
längst an ihr Ziel, die Jagdhütte, gebracht. Dort, wo
die Wachteln und der Rehrücken gegrillt werden. Im Radio
läuft das Nachtprogramm. Die brillante Stimme von Heike
Schäfer, die mit den „Glocken von Rom“, singt ein mir bis
dahin unbekanntes Lied. Ich höre erst nur Bruchstücke :
„......du bist nicht schön, du wirst leicht überseh’n
......“. Eigenartig. Wen besingt sie da ? „......dass kein
Dichter dich besingt, du hast dich dran gewöhnt ......“. Aha,
deshalb ist dieser Song auch kaum gespielt worden. Der Refrain
verrät das Rätsel, ein kleiner Spatz ist gemeint. Einer von
zig tausend.
Ich komme am Hauptbahnhof an, reihe mich in die Taxi-Schlange ein.
Neben mir läuft eine dieser Stadttauben, deren Eltern mal
Brieftauben waren. Die nicht mehr heimfanden bei ihrem
halsbrecherischen, erzwungenen Rückflug und deshalb zu
Stadttauben wurden. Jedes Jahr 1 bis 2 Millionen verlorene
Brieftauben in Deutschland, „Ausschussware“. Aber warum läuft
dieses Taubenkind noch rum, mitten in der Nacht, wo alle anderen
Tauben schlafen ? Es muß einen wahnsinnigen Hunger haben,
der es nicht schlafen lässt. Es fiept noch, wie es
Taubenkinder tun, bevor sie das Gurren lernen. In einem Alter, wo
sie schon recht erwachsen aussehen, aber noch von den Eltern
gefüttert werden. Warum schläft es nicht bei seinen
Eltern im Nest ? Taubenkinder sind ohne Eltern verloren, müssen
verhungern. Ob es ein Waisenkind ist ? Die Eltern einer
dieser absurden Vernichtungsaktionen zum Opfer gefallen ?
Aufgespießt, die Beinchen abgeschnitten, festgeklebt,
stranguliert, vergiftet ? Ich werde es ein bisschen beobachten.
Mir geht das Lied von dem Spatzen nicht aus dem Kopf. „......du
lebst von dem, was ab und zu vom Tisch der Reichen fällt
......“. Ich lasse ein paar Brotkrümel fallen, direkt vor
den bettelnden Schnabel, aber er pickt sie nicht auf. Zu dunkel
kann es nicht sein, hier auf dem hell beleuchteten Bahnhofsplatz. Es
ist ganz einfach noch zu jung zum Selberpicken. Ziellos läuft
das Waisenkind fiepend weiter. Läuft in Richtung einer
wartenden Familie, deren gelangweilter Sprössling plötzlich
das Vögelchen erblickt : „Guck mal, Mami, eine dreckige
Taube !“ Und schon rennt das Kind im Kindergarten-Alter los,
holt kräftig aus und tritt die Taube, dass sie in hohem
Bogen in der angrenzenden Blumenrabatte landet. „1:0“,
spendiert der Vater Beifall. „Eine weniger“, murmelt die
Mutter wohlwollend hinterher.
Was ist das für eine Welt, denke ich, wo die Kinder zu
sinnloser Brutalität erzogen werden. Wo ein
hilfeschreiendes, gefühlvolles Lebewesen Verachtung und
qualvollste Schmerzen erleiden muß, zur Schadenfreude der
jüngsten Menschenkinder.
„......und doch hast du ein Recht auf Leben, hier auf dieser
großen Welt ......“, so hat es vorhin Heike Schäfer
gesungen, und mir kommen die Tränen. - - -
Ich steige aus meinem Taxi, finde in den Blumen ein Bündel
Federn, das eben noch gelebt hat, regungslos. Es ist recht dunkel
im Gestrüpp, und dennoch sehe ich glänzende kleine Augen in
dem Federbündel, die zu mir hochschauen, ängstlich,
fassungslos, flehentlich. Ganz behutsam nehme ich das doch noch
lebende Wesen aus der Rabatte. Ein Flügel hängt schlaff
herunter. Fiepen tut es nicht mehr. „Sing, kleiner Spatz“,
der Titel meines vielzitierten Liedes, aber das Taubenkind tut mir
den Gefallen nicht. Es kann ihn mir nicht mehr tun. Es hat
Todesangst.
Menschen können so grausam sein. Erst bringen sie die
Eltern dieses kleinen Vogelkindes um, sein Zuhause, seine
Geborgenheit, seine Zuflucht. Dann vergehen sie sich auch noch an
dem Kind selbst. Und finden sich auch noch toll dabei... Keinen,
den ich mehr verabscheuen würde, als solche gefühllosen
Lebewesen, die sich Menschen nennen.
Ich trage den kleinen Patienten zum Taxi, bette ihn vorsichtig in
ein Handtuch, und gebe ihm zu trinken. In diesem Moment steht mir
kein Mensch näher als dieses verzweifelte Waisenkind. „......Du
bist doch auch, wie alle hier, ein Spatz in Gottes Hand ......“,
so ging es weiter, das Lied vorhin im Radio. Mir fällt
das Gedicht ein, was bei uns zu Hause jedem Besucher im Weg hängt.
Der letzte von 4 Versen über ein Kälbchen auf der
Schlachtbank :
Doch bei dem letzten Hauch der Kehle ein Strahl
aus Deinen Augen spricht : „In mir auch wohnet eine Seele,-
für mich auch hält ein Gott Gericht !“
Das Gedicht hatte ich mal einer Frau aus dem Kirchenvorstand
gegeben. Sie hatte keine Zeit, die 4 Verse zu lesen. - - -
Entkräftet fallen meinem Täubchen die Augen zu. Ich
spüre sein Herz in meinen Händen klopfen. Ich denke
nach über das Leben. Was ist der Unterschied zwischen dem Leben
eines Menschen und dem einer Taube ? Gibt es überhaupt einen
Unterschied ? Welches Leben ist wertvoller ? Wer kann darüber
ein objektives Urteil abgeben ? Wohl nur jemand, der nicht Mensch
und nicht Taube ist. Aber auf dieser Welt entscheidet nur der
Mensch über gut und böse, über richtig und falsch,
über wertvoll und wertlos. Als wäre er alleine der
Richter über alle Lebewesen. Als wäre seine Vernunft die
einzige. Die Vernunft einer Ellenbogengesellschaft, die unfair
und feige Schwächere misshandelt, statt ihnen zu helfen, sich
über Schwächere lustig macht, statt ihnen beizustehen,
die Schwächere umbringt, ihre Körper zerteilt und vornehm
verspeist, statt deren Leben zu beschützen, die durch Lust
am Töten lebensfrohe Tier-Familien brutal zerstört,
fassungslos unglücklich macht, statt ihnen Lebensraum
zurückzugeben.
Ich erwache aus meinen Gedanken, weil das Handtuch, in dem ich die
Taube halte, feucht geworden ist. Blut ist durchgesickert. Mit
mir ist auch die kleine Taube wieder aufgewacht, sie atmet jetzt
schwerer, röchelt bei jedem Luftholen. Ich suche nach einer
offenen Verletzung, finde sie unter ihren Federn nicht gleich, aber
ich muß sie finden, damit ich die Blutung stillen kann.
Soviel Blut hat eine Taube nicht. Schließlich entdecke ich ein
Loch im Kropf. Vorsichtig drücke ich auf die blutende
Stelle, nur so fest, dass sie noch atmen kann, aber ausreichend, die
Blutung in kurzer Zeit zum Stehen zu bekommen. Mir wird klar,
ohne tierärztliche Hilfe kann die Taube nicht überleben.
Kurzentschlossen fahre ich zum tierärztlichen Notdienst.
Dort packe ich mein Häufchen Elend im Handtuch aus. Was das
für eine Taube sei, fragt der Tierarzt, eine Stadttaube ? Die
könne er nur einschläfern, sie hätte keine Chance, die
Verletzung sei nicht zu behandeln.
Ich sehe der Taube in die Augen. Sie schauen mich so wahnsinnig
traurig an. Als wollten sie sagen, hilf mir doch, ich möchte
doch so gerne leben. Sie macht keinen Versuch, meiner Hand zu
entfliehen. Ist sie zu erschöpft ? Oder hat sie zu mir
bereits Vertrauen gefasst ? Setzt sie auf mich eine Hoffnung ?
„Wenn’s ja eine wertvolle Zucht-Taube wäre“,
unterbricht der Tierarzt meine Gedanken, „aber mit dem
lädierten Flügel wird sie ohnehin nie wieder fliegen
können.“ Ach, denke ich, hätte ich sie als Brieftaube
deklariert, wäre sie wohl eher behandelt worden. Aber als
invalide Stadttaube wird ihr jegliche Lebensberechtigung
abgesprochen. Ist das bei den Menschen auch so ?
Sie muß
furchtbare Schmerzen haben. „Können Sie ihr ein
Schmerzmittel geben ?“, frage ich den Tierarzt. „Diese Taube
kann man nur einschläfern, es gibt eh genug davon“, wehrt er
jetzt schon etwas ungeduldig ab. Es bricht mir fast das Herz.
„Diese Taube gibt es nur ein einziges Mal !“ reklamiere ich
ganz entsetzt. Rasch wickele ich meine Taube wieder ins Handtuch,
bezahle meinen Obolus, und verlasse die Praxis.
Was soll das alles ? Da müssen unzählige Tiere als
Versuchstiere für Schmerzmittel der Menschen sterben, nach einem
grausamen und kurzen Leben, für Tests, die ohnehin auf den
Menschen nicht übertragbar sind, die meist einzig für den
Erwerb des Doktor-Titels durchgeführt werden. Und die, die
davon profitieren könnten, nämlich die Tiere selbst,
bekommen diese Produkte nun auch noch vorenthalten. Zumindest
die, die als Stadttauben auf die Welt gekommen sind. Oder durch ein
Unglück zu Stadttauben geworden sind.
Da sitze ich wieder in meinem Taxi, auf meinem Schoß ein
klopfendes Herz, ein Geschöpf, das leben möchte, ein
Geschöpf mit so vielen Gefühlen, was lautlos nach Erbarmen
schreit, vollkommen unschuldig, was weiter nichts, als völlig
ausgehungert seine Eltern gesucht hat. Ich versuche, ihm ein
bisschen Liebe und Geborgenheit zu geben, halte es behutsam in meinen
Händen und berühre mit den Lippen seinen Schnabel. Ich
spreche jetzt ganz ruhig mit ihm : „Du, mein kleiner Freund,
ich glaube, es gibt jemanden, der mehr ist, als ein Mensch wie ich,
und der mehr ist, als eine Taube wie Du, der mehr ist, als ein
Tierarzt und der mehr ist als alles Lebendige auf der Welt, jemand,
der Dich nicht alleine lässt, der Dir und Deinen Eltern
entgelten wird, was die Menschen in ihrer Dummheit und Grausamkeit
Euch angetan haben.“ In meinen Händen wird es jetzt still,
fast erschreckend still. Aber das kleine Herzchen klopft noch,
nur die Atmung ist jetzt viel ruhiger geworden. Aus den kleinen
Augen spricht so etwas wie Dankbarkeit und tiefer Frieden.
Die rechte Taxi-Tür wird aufgerissen, ein stinkender
volltrunkener Mann mittleren Alters pflanzt sich auf den
Beifahrersitz, in einer Hand ein Hühnerbein, an dem er
rumknabbert, unterm Arm eine Dose Bier. Er lallt erst ein
bisschen unverständlichen Kram, bis er meinen kleinen Freund
erblickt : „Iiiih, ist ja ekelig, ‚ne Drecks-Taube“, worauf
er panikartig mein Taxi wieder verlässt. Wer ist hier
ekelig, denke ich mir. Heilfroh, diesen ekeligen Passagier nicht
befördern zu müssen. Klar, so kann ich nicht weiter
Taxi fahren. Ich telefoniere meine Frau aus dem Bett, dass sie kommt
und mir meinen Patienten abnimmt.
2 Jahre später :
Paulchen ist gerade nach Hause gekommen, zusammen mit seiner Frau
Pauline. Hat ans Fenster geklopft, damit wir sie reinlassen. Denn
nachts schlafen sie beide auf unserem Wohnzimmerschrank. Ich
öffne das Fenster und er fliegt auf meine Schulter, Pauline
macht eine kurze Zwischenlandung bei meiner Frau, beide knabbern
liebevoll an den Ohren. Es ist das, was sie zur Begrüßung
immer tun. Dann fliegen sie zu ihrem Schlafplatz, gurren und
schnäbeln da noch eine Weile rum, bis sie eng nebeneinander
sitzend auf die Nacht warten.
Was war inzwischen geschehen : Nachdem meine Frau damals die
todkranke Taube bei mir vom Taxi abgeholt und zu Hause noch etwas
Traubenzuckerlösung verabreicht hat, die allerdings
teilweise aus dem Loch im Kropf wieder raustropfte, sind wir am
nächsten Morgen gemeinsam in eine etwas abgelegene
Tierklinik gefahren. Dort hatte man mehr Verständnis für
unser misshandeltes Taubenkind. Auch wenn’s ein Risiko war,
aber mit größter Sorgfalt wurde das angeblich nicht
behandelbare Taubenkind operiert, das Loch im Kropf konnte
verschlossen, der Flügel geschient werden, und liebevoll zeigte
man uns die Handgriffe der notwendigen Nachbehandlung. Das waren
viele Tage und Wochen nicht nur das tägliche Füttern von
Spezial-Aufbaukost, sondern auch die weitere Wundbehandlung. Wir
bauten den überdachten Balkon um zu einer großen Voliere,
wo unser Taubenkind Paulchen das Fliegen lernen konnte, bis wir
es nach langer Zeit als erwachsene Taube freigelassen haben, die dann
hin und wieder große Ausflüge machte, aber stets
wieder zu uns zurückkam. Bei der Gartenarbeit saß sie
oft auf der Schulter und freute sich, ein Familien-Mitglied geworden
zu sein. Und weil es bald noch mehr Pflegekinder in unserer
Voliere gab, fand Paulchen auch bald eine passende – vorübergehend
invalide – Taubenfrau, und wir konnten oft beobachten, wie
glücklich sie miteinander waren. Es hat uns einiges gekostet
an Geld und Zeit. Aber das Glücklichwerden dieser totgesagten
Geschöpfe hat es uns vielfach zurückgegeben.
Es klingt wie im Märchen. Aber wenn wir die Augen öffnen für
verachtete, leidende Mitgeschöpfe, wird’s immer wieder Wirklichkeit.
„......Sing, sing, kleiner Spatz, sing ein Lied
für mich,
Du hast Deinen Platz, ganz genau wie ich,
sing aus Herzenslust, sing so laut Du kannst,
sing, sing, kleiner Spatz, und hab’ keine Angst. ......“
Autor:
Eckart Schulze, Immenhausen
eckartschulze@freenet.de
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